Wollen wir eine Tunnelautobahn durch Freiburg?

„Wir brauchen eine Stadt, in der wir das Auto nicht mehr brauchen“, sagte die Präsidentin Maria Krautzberger des Umweltbundesamt (UBA) in einem Interview bei Spiegel online vom 17.12.2015.

In diesem Sinne möchte die Initiative „Statt Tunnel zu einem Freiburg mit weniger Kraftfahrzeugen (KFZ) und damit weniger Lärm, weniger Emissionen aber mehr Lebensqualität beitragen. Die Plattform stadttunnel.de will eine kritische Diskussion zum Stadttunnel und zur Verkehrsentwicklung in der ganzen Region anstoßen.

Wir wollen dem Eindruck entgegentreten, dass die gesamte Region für eine Autobahn durch Freiburg ist, wie die Gemeinderatsfraktionen Freiburgs dies in Ihrem interfraktionellen Brief an Bundesverkehrsminister Dobrindt vom 6.8.2015 behaupten.

Der geplante Stadttunnel, ein ca. 1.800 Meter langer Autobahntunnel (A860), soll unter der Dreisam zwischen Kronenbrücke und Ganterbrauerei verlaufen und nach derzeitiger Schätzung 325 Millionen EUR kosten.

Für alle Gemeinderatsfraktionen handelt es sich dabei um einen „überragend wichtigen Meilenstein für die Stadtentwicklung Freiburgs“ mit dem mindestens 50 % des heutigen motorisierten Verkehrs unter die Erde verlegt werden, um die unmittelbaren Anwohner (etwa 140 Gebäude und ca. 2.000 Anwohner) von Lärm und Emissionen zu entlasten. Sie sind der Auffassung, dass nahezu alle Bewohner Freiburgs und der Region für den Bau sind.

Das Stuttgarter Verkehrsministerium hat auf Drängen Freiburgs den Stadttunnel als vordringliches Verkehrsprojekt an Minister Dobrindt gemeldet. Im Mai 2012 stimmte das Bundesverkehrsministerium für den Fall der Realisierung des Stadttunnels dem Vorschlag aus Freiburg zu, die Bundesstraße B31 vom Autobahnkreuz bis zur östlichen Stadtgrenze als Autobahn A 860 umzuwidmen.

Im nun (16.3.2016) veröffentlichten Referententwurf zum Bundesverehrswegeplan (BVWP) steht der Stadttunnel Freiburg unter der Nummer 300 im Vordringlichen Bedarf (VB). Vorhaben des VB sollen bis zum Jahr 2030 umgesetzt bzw. begonnen werden. Etwa 19 Milliarden EUR Budget stehen Projekten im VB mit einem Volumen von mehr als 43 Milliarden im BVWP gegenüber.

Der Stadttunnel Freiburg ist in Baden-Württemberg bezogen auf die Länge das mit weitem Abstand teuerste geplante Straßenprojekt. Er schneidet beim Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV) im BWVP mit einem NKV von 1,9 im Vergleich zu den rund 100 Projekten im VB in Baden-Württemberg sehr schlecht ab.

Aus Sicht der Initiative Statt Tunnel ändert der Stadttunnel nichts an den Ursachen für volle Straßen, Lärm, Emissionen und Verletzten, wie z.B. einer autogerechten Siedlungspolitik, der Pendlerpauschale oder dem zunehmendem Gütertransit, um nur einige wichtige Faktoren zu nennen.

Es fehlt an einer breiteren Problem- und Wirkungsanalyse – was genau gewinnt die Region durch dieses Projekt, wie viel verliert sie? Auch eine Untersuchung, wie man alternativ Kraftfahrzeugverkehr, Lärm und Emissionen in Zukunft reduzieren kann, liegt bisher nicht vor. Viele Fragen bleiben offen. Dies gilt nicht nur für den Stadttunnel, sondern den gesamten BVWP. So rechnet der BVWP mit einem Zuwachs im Personenverkehr von 12,2 % und beim Güterverkehr um 38 % bis zum Jahr 2030. Als Haupttreiber gilt eine deutliche Zunahme des grenzüberschreitenden Verkehrs. Eines der wesentlichen Bewertungskriterien im BVWP ist folglich die Verbesserung des Verkehrsflusses. Nur den Verkehrsfluss zu verbessern, greift aus Sicht der Initiative Statt Tunnel zu kurz.

Bis zum 2.5.2016 konnten alle natürlichen und juristischen Personen mit Wohn- bzw. Geschäftssitz in Deutschland zum Referentenentwurf BVWP Stellung nehmen.

Mit einer Unterschriftenaktion möchte die Initiative Statt Tunnel bis zum Beschluss des Bundesverkehrswegeplan durch den Bundestag im Herbst dem Eindruck entgegentreten, dass die gesamte Region für eine Autobahn durch Freiburg ist. Darüber hinaus möchte die Initiative Alternativen nicht nur zum Stadttunnel, sondern zur bisherigen Kraftfahrzeug zentrierten Mobilität erarbeiten, die alle Menschen in der Region vor Lärm, Emissionen, Klimawandel und Verletzungen schützt.

Allein 2015 hat die Kohlendioxid (CO2)-Konzentration in der Atmosphäre um 3 parts per million (ppm) zugenommen. Wenn sich der derzeitige Anstieg (3 ppm im Jahr 2015) so fortsetzt, wird die kritische Marke von 450 ppm bereits in weniger als 20 Jahren erreicht und das 1,5-2°C Ziel, das im Klimaschutzabkommen in Paris verhandelt worden ist, kann nicht mehr erreicht werden.

Bereits vor Paris setzten die Klimaschutzziele der Landesregierung Baden-Württemberg im Bereich Verkehr bis 2020 ein Rückgang der Emissionen um mehr als ein Viertel voraus (Minderung um mehr als 5 % pro Jahr). Eine Minderung in dieser Größenordnung ist nicht mehr allein mit Technik, sondern nur noch durch zusätzliche Verhaltensänderungen zu erreichen. Um die Klimaziele, die in Paris von 195 Nationen dieser Erde mitgetragen wurden, zu erreichen, müssten mindestens die Hälfte, eher zwei Drittel aller Kraftfahrzeuge in Deutschland ganz verschwinden und nicht nur für 1.800 Meter unter die Erde. Und das ganz unabhängig davon, mit welcher Antriebsenergie Öl, Erdgas oder Strom) sie zukünftig betrieben werden. Allein der kumulierte Energieaufwand der Produktion eines PKWs entspricht einer Fahrleistung von bis zu 70.000 km bei 6 Liter /100 km (vgl. IFEU 2014, Abb. 8, S 23).

Es gibt kein Menschenrecht auf ein eigenes Kraftfahrzeug aber ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Für die Kritiker stellt sich deshalb die Frage, welchen Sinn ein solches Projekt in einer Zeit hat, in der uns allen klar sein müsste, dass wir unser Mobilitätsverhalten (keine Energiewende ohne Verkehrswende) stark verändern müssen.

Die Initiative „Statt Tunnel“ kann nicht nachvollziehen wie ausgerechnet in Freiburg den Auswirkungen der Kraftfahrzeuge (Lärm, Abgase, Klimawandel) mit dem Neubau eines Autobahntunnels begegnet werden soll.

Unterstützen Sie uns…

  1. durch Ihre elektronische Unterschrift gegen den Stadtunnel…
  2. indem Sie auf die Initiative bei Freunden, Bekannten oder in ihren sozialen Netzwerken hinweisen
  3. durch kurze Beschreibungen von Alternativen zur bisherigen Kraftfahrzeug zentrierten Mobilität (Fotos, Grafiken)
  4. durch anregende, wohlwollende Zuschriften an info[at]stadttunnel.de

oder auf eine Art und Weise, auf die wir noch gar nicht gekommen sind…